Die Liebenden, die Feinde waren ...


Aus dem Radio strömte die Musik einer Morgensendung in die Ohren der Liebenden. Sie lagen da, ruhig und friedlich, auf zerknülltem, champagnerfarbenem Satinstoff, verbrauchte Luft einer Notwendigkeit einatmend. Dort ihr Kleid und Slip, da sein Hemd, seine Jeans, seine Unterhose auf dem Boden verstreut, drüben das Regal mit dem Radio, überall dämmerndes Morgenlicht. Ihre nackten Körper ruhten sich vom Gewesenen aus, brauchten jetzt Bewegungslosigkeit. Nur sein Oberkörper hob und senkte sich. Mit ihm ihr Kopf, den sie nach der Liebesbefreiung auf seine glatte Brust gebettet hatte, ihr rechtes Ohr fest auf seine Haut gepresst, um seinem Inneren so nahe wie möglich zu sein. Um zu hören, wie seine Lunge hungrig die Luft aufsaugte, die sie ihm noch vor wenigen Minuten mit ihrem Liebesritual stahl. Um zu lauschen, wie das dumpfe Klopfen seines Herzens ruhiger wurde, immer ruhiger, leiser und dankbarer. ‚Danke’ schien es zu trommeln, ‚Danke für das, was du mit mir gemacht hast’. Diese Nähe, dieses Hören, dieses Lauschen gefiel der jungen Frau. Ein wunderbares Gefühl. Es kam selten vor, dass beide sich am frühen Morgen liebten. All zu oft wachte sie alleine auf, wenn er für Tage verschwunden war. Sie dachte an die Küsse, die bei seinen vielen Abschieden seltsam schmeckten, an seine dunkelbraunen Augen, die dann immer etwas Furchterregendes ausstrahlten. Doch sie liebte ihn wahnsinnig. Sein Herzschlag trommelte jetzt gleichmäßig. Ungewollt, doch mit einem inneren Zwang, lauschte ihr anderes Ohr der Welt da draußen. Der Musik aus dem Radio, den Geräuschen aus dem Fensterspalt. Kläffende Mopeds, hupende Autos, tiefbrummende LKW-Motoren. Manchmal – und eben
wieder– die rasselnden Ketten eines Panzers, ihr immer Angst einflössend. Sie lauschte den klirrenden Kaffeetassen, dem nervösen Stimmengewirr aus dem Straßencafe unter diesem Zimmer, dem hungrigen Schrei eines Babys über Ihnen. Sie hörte das Leben dieser Stadt, sie hörte den Herzschlag ihres Geliebten. Ihre Gedanken waren zweigeteilt. Sie dachte an die Liebe mit ihm, dessen Körper sie unter sich spürte - Geliebter - einer aus dem anderen Volk, einer, der eigentlich ihr Feind sein müsste - Geliebter - dessen Volk soviel Terror in ihrem Land verbreitete – Geliebter – dessen Landsleute damals ihre beste Freundin töteten.
Und all die anderen!
Mörder? Geliebter? Ein Feind?
Vor wenigen Minuten haben wir uns noch geliebt. Beweis für Liebe? Eine Liebesaffäre mit einem Feind?
Wahrheit? Ja!
Liebestraum? Nein!
Mein Geliebter – ich liebe Dich!
Sie dachte an den neuen Tag da draußen, an das Cafe unter ihnen, an das Baby da oben. Wahrheit eines anbrechenden Tages und der Traum davon, heute Abend ohne die Geschichte von Krieg, Terror und Tod einzuschlafen. Bitte heute nicht, flehte sie in sich hinein. Mein Geliebter, heute nicht! Am liebsten wollte sie jetzt aufstehen und das Fenster schließen. Sein Herzklopfen, seine Haut, sein Geruch, die Radiomusik und das verklungene Gerassel des Kettenpanzers hinderten sie daran. Ihre Fragen und Antworten, ihr Flehen und ihre Liebe beruhigten sich nun mit den Klängen der Ballade, die aus dem kleinen Lautsprecher ausströmte und überall im Land Gehör finden wollte. Gleichzeitig mit der immer noch dankenden Trommelsprache seines Herzen - den Lärm der Realität von draußen hörte sie längst nicht mehr - übersetzte sie sinngemäß den englischen Text des Songs in ihre Muttersprache...
„ ... but tomorrow, you will see - don’t despair, don’t despair ...
... denn morgen, du wirst sehn - verzweifle nicht, verzweifle nicht - wird der Wüstenwind alle Waffen mit Sand bedecken und Frieden in die Welt tragen - denn morgen, du wirst sehn - verzweifle nicht, verzweifle nicht – wird das Meer die Feuer der Gewalt auslöschen und Liebe in die Herzen schütten - über allem Liebe, über allem unsere endlose Liebe - verzweifle nicht, verzweifle nicht ...
...love, over all things love, over all things our endless love - don’t despair, don’t despair...“
Die langen, seidigschwarzen Haare der jungen Frau verteilten sich über seinen Bauch, ihr linker Arm und ihr linkes Bein umschlangen ihn, hielten ganz fest, was eben noch für alles Lieben gebraucht wurde.
Der junge Mann, dessen Augen sich nicht mehr an ihrem Körper erfreuten, sondern nur die Zeit auf seiner Armbanduhr verfolgte, fühlte nichts von ihrer Umklammerung, spürte eine alles zerstörende Ungeduld in sich heraufziehen. Als Alibi einer scheinbaren Zuneigung streichelte er mit einer Hand über ihren Rücken und noch weiter. Die andere Hand lag ruhig auf ihrer Wange, verdeckte ihr zufriedenes Lächeln, trieb hinterlistig männlichen Geruch in ihre Nase. Der Geruch und die Stelle seines Streichelns erregte sie. So war es gut für ihn. Die Ungeduld, die ihn immer mehr vereinnahmte, setzte seinen Körper unter Strom, unterband jegliches Gefühl für die Andere. Seine Augen, starr und matt, fraßen sich durch den Raum - dazwischen ein neuerlicher Blick auf seine Armbanduhr - sättigten sich an der grauweißen Zimmerdecke, die ihn erdrücken wollte. So, wie die Sorgen um seine Familie drüben im anderen Land seine Seele erdrückten.
Da! Wieder donnerte unten auf der Strasse eines dieser verfluchten Monster auf Ketten vorbei, fuhr über seine Gedanken und verschwand.
Wie geht es Mutter? Bestimmt verbindet sie gerade, wie jeden Morgen, die Schusswunden von Vater. Wird er je wieder richtig gehen können?
Wehe wenn er ...
Endlich.
Der Refrain des Liedes wurde leiser und vom schrillen Piepston der sich ankündigenden Siebenuhr – Nachrichten überblendet.
„ ... don’t despair, don’t despair … piep, piep … love, over all things love … piep, piep … don’t despair, don’t despair … piep, piep … our endless love … piiieeep.
Er hielt den Atem an. Seine streichelnden Bewegungen auf ihrem Po stoppten, seine Handflächen wurden kalt und froren die Zärtlichkeit ein. Die männliche Stimme aus dem Radio zerschnitt radikal die Verbundenheit zur Frau neben ihm...
„ ... Guten Morgen. Hier ist Radio Jerusalem mit den Siebenuhr-Nachrichten.
Ramallah. Auch in der vergangenen Nacht konnten unsere Streitkräfte einen wichtigen Führer von Arafats Terrororganisation eliminieren. Bei der Operation unserer Soldaten in einem Vorort von Ramallah wurden neben dem Terroristen seine beiden Leibwächter, seine Frau und seine beiden Söhne getötet. Es handelt sich um ...“
Als der Name des Toten sich in das Gehirn des daliegenden Mannes einschoss, verzerrte sich sein Gesicht, befüllte sich seine Seele mit Wut, überzog sich sein Herz mit Hass, verlor sein Ich die Liebe zu ihr. Ruckartig und rücksichtslos stieß er die erstaunte Frau von seinem Oberkörper. Wütend hechtete er aus dem Bett und begann schreiend, weinend, jammernd und wieder schreiend im Zimmer umherzuirren.
„Mein Bruder! Sie haben meinen Bruder umgebracht! Diese Schweine haben meinen Bruder umgebracht!“
Während der Nachrichtensprecher den Namen des Getöteten das zweite Mal erwähnte und sich Gewissheit mit Wahrheit paarte, ergriff er das Radio und schmetterte es zu Boden. Dann blickte er zum Bett, starrte sie an, plärrte auf ihre Nacktheit.
„... Diese Mörder, diese verfluchten Mörder! Deine Leute haben meinen Bruder umgebracht... haben seine Frau ... haben seine Kind...“
Ein Weinkrampf würgte seinen Kehlkopf und verhinderte jedes weitere Schreien, jedes Wort, jede Schuldzuweisung an seine Geliebte.
Geliebte?
Sie gehörte zu diesem Volk. Dieses Volk! Seine Feinde!
Geliebte?
Eine Israelin war sie, eine von denen, die seinen Bruder, dessen Frau und Kinder ermordet haben, die so viele getötet haben, die sein Land besetzten, dass ihnen niemals gehören wird, niemals!
Geliebte? Nein! Nie!
Wieso habe ich ... ? Wir und Liebende?
Paaahhh - Feinde sind wir! Todfeinde!
Sein wütender Blick traf ihre von Furcht gezeichneten Augen.
Er begann alle Zeit mit ihr zu hassen. Die junge Frau hockte auf dem Bett, der Körper eingehüllt mit der satinweichen Decke, auf der sie sich liebten. Stumm saß sie da, geduckt, ängstlich. Erstarrt durch die Kälte seines Hasses.
Der Mann tappte im Zimmer umher, suchte nach etwas, hob umherliegende Zeitungen auf, suchte im Regal, stolperte über die umherliegenden Teile des Radios, suchte unter dem Bett, brüllte, jammerte, suchte weiter, suchte auf dem Fensterbrett, erspähte es schließlich unter seiner Jeans, nahm es in seine Hände. Wieder heulend, fasste er an den Reißverschluss einer schwarzledernen Fototasche, öffnete sie und vergewisserte sich über den Inhalt. Was er da sah, erleichterte und bestärkte ihn. Ja, er würde seine Familie rächen.
Der Gedanke an dieses Vorhaben vergrößerte die Wut auf die junge Frau, die er mit weit aufgerissenen Augen anstierte, die ihren Kopf in der Bettdecke vergrub, die Hände festgekrallt an irgendeinem Stück Stoff, zitternd, frierend, sich ihrer Nacktheit schämend. Ein Mix aus Angst, Liebe, Geruch, Gejammer, Wut und Reue drehte sich in ihrem Gehirn, machte sie schwindlig, lockte Galle in ihren Hals, die sie widerwillig in die unendlich wirkende Tiefe ihres Leibes hinunterschlang. Dazu immer wieder diese Fetzen gemeinsamer Liebeszeit vor Augen, diese glückbeladene Zeit, die jetzt wie ein schwerer Diamant auf ihre Seele drückte, diese hochjauchzende Zeit – Stunden voller Lachen, Küsse und tiefster Empfindungen -Liebeszenen, die nun verwässert auf ihren braunen Pupillen dahinflimmerten, schließlich mit einem Stoß von unzählbaren Tränen aus ihr herausbrachen und in vielen Rinnsalen über ihre Wange für immer ins Liebesnest dahinflossen. Erst jetzt spürte sie diese feuchte Hand, die er inzwischen unsanft auf ihre Schulter gelegt hatte. Mit einem schmerzhaften Griff drückte er sie rücklings auf das Bett. Gewaltsam wurde sie aus den salzig dahinfliesenden, bunten Vergangenheiten gerissen.
Über sie gebeugt erzwang er ihren Blick. Seine Augen stachen tief, sehr tief in ihr Seelenfleisch, impften es mit seiner Wut und seinem Hass. Lange konnte sie diese schreckliche Infusion nicht ertragen. Sie bäumte sich kurz auf und übergab sich. Ihr Schleim heftete sich an seinen nackten Körper, brandmarkte alles, was sie immer liebkoste - ja auch das – und verwandelte den Geruch seines Schweißes in einen ekligen Gestank. Erschrocken wich er zurück.
Dann war nur Stille.
Kein Schluchzen, kein Gejammer, kein Geschrei, nur Gestank.
Er schaute an sich herab, wischte mit einer Handfläche über die klebrige Masse auf seiner Haut. Dabei trat er noch zwei Schritte zurück und senkte seine Augenlider. Er wollte reden, doch sein Hirn verweigerte dies. Gleich einem Schutzschild verschränkte sie die Arme vor ihren Brüsten. Ihre Hände waren zu Fäusten geformt, ihre Augen wieder klar. Sein Zurückweichen ließ in ihr Mut anwachsen, der wie ein hungriges Tier ihre Angst auffraß. Sie befahl sich zu schreien. Jetzt!
„Verschwinde! Hau ab! Ich will dich nie mehr wiedersehen!
Nie mehr, verstehst du? Niiieee meeehr, nieeee meeeehr!“
Dieses Mal zwängte sie ihre Tränen nach innen.
Das Baby im Stockwerk über ihnen fing wieder zu schreien an, von irgendwoher schien jemand ‚Ruhe’ zu rufen, sonst nur Stimmengewirr aus dem Cafe unter ihnen. Und schon wieder dieses Gerassel. Gleich war es vorbei.
Er wandte sich erst achselzuckend dann voller Hass von ihr ab, suchte verwirrt und mit einer seltsamen Traurigkeit seine Klamotten zusammen, zog sich alles über. Kein Blick für sie, nur für das rotgerahmte Bild im Regal. Sie und er am Strand des Roten Meeres. Nie mehr, nein, nie mehr.
Er griff nach der Fototasche, dann verschwand er nach ihrer Galle stinkend in der Dunkelheit des Flurs. Die Tür zum Treppenhaus fiel laut ins Schloss, sperrte Leere in die Wohnung, setzte irgendeinen Schlusspunkt, der versuchte, sie zu beruhigen.
Ein Weinen begann, das gleich einem Wiegenlied sie in einen federleichten Schlaf begleitete. Hin und wieder war da ein erleichterndes Schluchzen, das ihre Atmung aus dem Rhythmus drängte und ihre Augen öffnete. Immer dann schaute sie solange auf die Tür, durch die er vorhin wortlos verschwand, schaute solange auf diese Leere, bis ihre seelenerzwungene Sehnsucht nach Schlaf die Augenlider über ihre mattbraunen Pupillen schob. Ihre Ohren vermischten die vielen Geräusche, die unaufhörlich von draußen durch das Fenster drangen, zu einem gleichmäßigen Rauschen.
Es war das Meer, das sie rauschen hörte, der Strand, der Sand, der zwei Fußpaare zeichnete. Es war ein schöner Urlaub mit ihm. Sie träumte davon. Sekundenlang bunte Farben in ihr.
Was war das? Ihr Name?
Von unten hörte sie ihren Namen rufen. Sie öffnete die Augen. Ja! Schon wieder! Seine Stimme! Er ruft ihren Namen!
Sie hüpfte aufgeregt aus dem Bett.
Da! Wieder!
Hastig suchte sie nach ihrem Kleid, dass sie gestern Abend tanzend von ihrem Körper streifte, irgendwo zu Boden fallen lies, um ihm ihre Nacktheit feilzubieten. Sie fand es neben dem zertrümmerten Radio, schlüpfte hinein und stürzte - jetzt unter noch größerer Aufregung - auf das Fenster zu. Sie schlug die Klappläden jetzt ganz nach außen und blickte suchend nach unten.
Er stand auf dem Gehsteig, zwischen Tischen und Stühlen des Cafes. Ein paar Männer unterhielten sich und tranken Kaffee oder Tee. Armselig stand er da, zu ihr heraufwinkend, zu ihr heraufschauend, zu ihr heraufschreiend. Ihren Namen ausrufend.
Als er sie am Fenster bemerkte, holte er tief Luft und schrie lauter als je zuvor.
„Ich liebe dich. Verzeih mir, verzeih mir diese Feindschaft. Ich liebe dich doch... ... habe dich immer geliebt!“
Während er diese Sätze so oder anders einige Male aus sich herausbrüllte, holte er aus der Fototasche ein silbrigglänzendes Ding hervor, das einem Fotoapparat ähnelte. Zitternd hielt er es in der Hand.
Sie schrie ihm etwas zu, das er nicht hörte, nicht hören wollte. Dann verschwand sie händefuchtelnd aus dem Fensterloch.
Die Stufen im Treppenhaus wollten kein Ende nehmen und es kam ihr vor, als wenn sie in die Hölle hinabsteigen würde, in eine nicht aufhörende, endlose Tiefe. Kalter und heißer Schweiß überall an ihr. Die Haustür! Gott sei dank! Sie stolperte nach draußen. Dort! Endlich!
Sie stand vor ihm.
Er hielt diesen Apparat vor seinen Kopf, als wolle er sie für die Ewigkeit fotografieren. Seine Fingerkuppe drückte auf einen Knopf. Klick!
Die Explosion, die im Umkreis von zehn Metern alles zerfetzte, zerfetzte auch die Liebenden, die eigentlich Feinde waren. Tot waren auch die Männer, die sich unterhielten und ihren Kaffee oder Tee tranken.
Das Baby aus dem oberen Stockwerk erschrak.
Es war verzweifelt und weinte vor Angst.

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